„In einer Beziehung hat meistens einer von beiden die Hosen an. Der andere ist der Mann.”
Dies gilt vor allem für Klaus Schäfers, der ohne viel Halt in einer festen Beziehung steckt und den ohne viel Gehalt sein facettenloser Job fesselt. Er kämpft mit sich, mit seinem Leben sowie seiner Umwelt und denkt sich dazu seinen – oft sehr sarkastischen – Teil. Es ist im Wesentlichen sein aus Wien stammender Arbeits­kollege und glücklicherweise bester Freund Maximilian Eherl, der ihn aus seinem Alltagstrott reißt und zur Suche nach Auswegen verführt. In wechselnder Gestalt – mal volljähriges Kind, mal gebeutelter Erwachsener, mal als erheiterndes und mal als bemitleidenswertes Geschöpf – durchläuft Klaus verschiedene Etappen seiner Entschluss­unfähigkeit. Ob es ihm am Ende gelingt, eine Entschei­dung zu treffen, offenbart sich zuletzt vielleicht doch noch. Denn Pech ist eben, was man daraus macht!

Leseprobe, Kapitel VIII

Urlaub in Österreich

Noch einmal zupft Bettina herrisch an meiner Krawatte.

“Muss das denn wirklich sein”, quengele ich gequält. Bettinas strenger Blick ist Antwort genug. Während sie routiniert die Wohnung mustert, schärft sie mir nochmals ein, wie ich mich doch zu verhalten habe. Schließlich will sie ja nicht, dass ich mich blamiere.

Ja, klar.

Eher meint sie wohl, ich soll sie nicht blamieren vor ihrem Chef und den Kollegen. So viel ist selbst mir klar, auch wenn ich ansonsten nicht wirklich behaupten kann, die geheimen Botschaften der Frauen zu verstehen. Ich bin eigentlich die meiste Zeit über froh, wenn ich die offenkundigen Details im Umgang mit dem anderen Geschlecht behirne. Nach drei Jahren Beziehung beschränkt sich die Freude darauf, mal einen Abend zu verbringen, an dem nicht gestritten wird. Die Ansprüche sinken. Zumindest bei mir. Bei Bettina scheinen sie exponentiellzu steigen.

Für den heutigen Abend hat sie mir so viele Verhaltensregeln eingetrichtert, dass ich dafür fast alles vergessen habe, was ich bei Wikipedia auf die Schnelle über Wein nachgelesen habe. Wahrscheinlich wird es am besten sein, wenn ich ihr das Reden überlasse und mich ansonsten dezent zurückhalte.

“… und Klaus, bitte, kein Wort über deine dämliche U-Bahn-Liste! Hast du mich verstanden!” Ich nicke heftig, denn Bettina sieht nicht so aus, als würde sie Widerspruch dulden. Kurz vor Ankunft der Gäste ist sie fast so nervös wie ich. Sie tigert durch das Wohnzimmer auf der Suche nach optischen Fehlern, und ich habe das Gefühl, ich bin der Größte davon.

“Ach, vielleicht sollten wir doch die andere Krawatte …” Zu spät, in diesem Augenblick klingelt es an der Tür. Bettina hastet schnell hin. Die ersten Gäste des Abends quetschen sich in unseren Flur, Küsschen rechts, Küsschen links, Gott, wie ich das hasse. Ich hoffe, die geben mir nur die Hand.

Die Oberbekleidung wird abgelegt, Blick nach rechts, Blick nach links, kurze Bestandsaufnahme, gefolgt von einem möglichst Neid frei klingendem: “Schön habt ihr es hier!” Dann wandert der Blick zu mir.

Die schlanke, hellhaarige Frau im dunkelblauen Kleid stellt sich als Dorothee-Marit vor. Während ich noch die Designerleistung bewundere, ein Kleid ohne Konturen zu schneidern, reicht sie mir die Hand. Ich schüttle sie höflich und hauche ein “Klaus Schäfers” hervor. Ihr Blick wandert zu den Flaschen, die Bettina in eleganter Perfektion auf unserem Tisch drapiert hat. Dorothee-Marit klatscht begeistert in die Hände.

“Nein, Bettina, du hast dich ja selbst übertroffen!” Ihre Augen strahlen. Ihr Begleiter schüttelt eben noch beiläufig meine Hand und schaut bereits mit Neugier zu den aufgetischten Weinen. Bettina spürt wohl die Begeisterung der beiden, so dass ihre anfängliche Nervosität sich zu legen scheint. Sie geleitet die Gäste zum Tisch und erklärt theatralisch die Herkunft der Flaschen. Dorothee-Marits Begleiter reicht Bettina eine weitere Flasche und erklärt ebenfalls sehr theatralisch deren Herkunft.

“… und stell dir vor, den habe ich damals in einem kleinen Lädchen in Prenzlauer Berg erstanden. Da war der Bezirk noch nicht so verkommen wie heute.”

Ich versuche es mir gerade vorzustellen, da klingelt es wieder an unserer Tür.

Es tritt ein Ehepaar ein, das mir als Bettinas Chef sowie seine Gattin vorgestellt wird: Christian und Sibylle Heubach. Vor mir steht ein mittelgroßer Mann mit kurzen braunen Haaren, in einem augenscheinlich teuren Anzug, das Sakko leger offen, einem faltenfrei gebügelten, weißen Hemd, goldenen, unscheinbaren Manschettenknöpfen, deren gelber Glanz nur noch von der das Handgelenk umklammernden Uhr überstrahlt wird. Ist das eine Rolex? Die Kanzlei scheint gut zu gehen.

Anstatt der ansonsten obligatorischen Küsschen gibt es sowohl von ihr als auch ihm eine förmliche aber ehrlich wirkende Umarmung für Bettina und einen unerwartet kräftigen Händedruck für mich.

Bettina! Schön haben Sie es hier!“ eröffnet er das Gespräch. „Und Sie müssen ihr Freund sein, nicht?“ wendet er sich mir zu.

Klaus. Klaus Schäfers, sehr angenehm. Ich habe schon viel von Ihnen gehört!“

Aber hoffentlich nur Gutes, ich will Bettina nur ungern wegen Verleumdung verklagen.“

Alle fangen lauthals an zu lachen, am lautesten Christian Heubach selbst. Ist wohl dieser Anwaltshumor, den ich bislang nur vom Hörensagen kenne. Ich hielt ihn ja bislang für ein Gerücht, eine Legende, die man dem gemeinen Volk erzählt, damit es seine natürliche Furcht vor der Spezies Anwalt sorgsam ablegt. Ob ich das den ganzen Abend lang ertragen muss? Zum Glück haben wir ja viel Alkohol im Haus.

Und wie laufen denn die Geschäfte?“ will ich das Gespräch mit oberflächlichen Floskeln am Köcheln halten.

Gut! Ich kann klagen!“ Diesmal lachen sie noch lauter.

Ich mag diesen Kerl nicht.

Nach und nach trudeln alle Arbeitskollegen samt Begleitung ein. Unser Wohnzimmer füllt sich mit einer beängstigenden Anzahl an Anwälten. Allesamt in schickem Zwirn gekleidet, behaftet mit einer Aura aus steifer Geschäftigkeit und eleganter Ignoranz. Jedes der erlauchten Paare hat eine weitere Flasche Wein mitgebracht, die Bettina (nicht ohne langes Überlegen und Abwägen) gewissenhaft auf unserem Tisch abgestellt hat.

So viele Flaschen habe ich noch nie auf einmal in einem Wohnzimmer versammelt gesehen. Und ich spreche nicht von den Weinen.